Nicht erst seit dem Entgleisen der Finanzmärkte sehnen sich die Menschen nach einer Renaissance staatlicher Wirtschaftslenkung. Zuviel hat man gehört über astronomische Managergehälter, betrügerische Finanzmakler, überzüchtete und letztlich unerfüllbare Gewinnerwartungen. Mittlerweile ist der Wohlstand in Gefahr, die Zuwachsraten im Umsatz und Gewinn sind bereits Geschichte, wir befinden uns am Beginn einer Rezession, sagen die Ökonomen.
Als Schuldige werden skrupellose Finanzmanager, gierige Unternehmenslenker und von liberalen Ökonomen falsch beratene Politiker denunziert – letztere hätten erst dem schrankenlosen Neoliberalismus den Weg geebnet.
Sind Ökonomen (oder ökonomisch ausgebildete Manager und Politiker) schlechtere (im Sinne von: egoistische/zynische) Menschen?
Dazu ein Klassiker aus der ökonomischen Forschung – der legendäre Aufsatz von Robert H Frank, Thomas Gilovich und Dennis T Regan, “Does Studying Economics inhibit Cooperation?”.
Referiert werden in diesem Text Ergebnisse verschiedener Forschungsexperimente, die zum Ziel hatten, die Frage zu beantworten, ob ökonomisch gebildete Menschen tendenziell eher eigennützig und zum Nachteil der Gemeinschaft handeln.
Ein Experiment (Marwell/Ames) funktionierte wie folgt: Testpersonen hatten Geld zur Verfügung, dass sie nach freier Wahl entweder auf ein “Privatkonto” oder ein “Gemeinschaftskonto” legen konnten. Die – vorher bekannte – Regel lautete, dass jene Gelder, die auf das “Privatkonto” gelegt worden waren, in voller Höhe an die Einzahler retourniert werden sollten; die Gelder des “Gemeinschaftskontos” hingegen würden mit einem bestimmten Faktor größer 1 vervielfacht werden und dann nach Köpfen aufgeteilt. In dieser Versuchsanordnung ist es rational, alles aufs “Gemeinschaftskonto” zu werfen; vorausgesetzt, die anderen tun das auch.
Das Ergebnis: Ökonomiestudenten taten das signifikant in geringerer Zahl als Nicht-Ökonomen.
Auf die Frage, ob die Teilnehmer in ihren ökonomischen Entscheidungen “Fairness” berücksichtigten, sagten nahezu alle Nichtökonomen “Ja”, während die Antworten der Ökonomen im höchsten Maße uneindeutig waren: Mehr als ein Drittel der befragten Ökonomen verweigerten die Antwort oder gaben dermaßen hochkomplexe Antworten, dass sich diese einer Auswertung entzogen.
Marwell/Ames schrieben: “It seems that the meaning of fairness in this context was somewhat alien in this group.”
Man muss den Text aber zu Ende lesen: die Autoren bekennen ein, dass egoistische Marktteilnehmer in derartigen Laborsituationen, in denen die individuelle ökonomische Effizienz mit der kollektiven Effizienz in Widerstreit geschickt wird, stets zum eigenen Nachteil agieren: wer dem vermeintlichen Eigennutzen nacheilt, bewirkt nicht nur für die anderen, sondern auch für sich selbst die weniger optimalen Ergebnisse. Diese Erkenntnis, sobald sie für die anderen Spieler transparent wird, führt zu einem weniger egoistischen Verhalten. Die Autoren schlussfolgern daher: würden die Nichtkooperativen und die kooperativen in getrennten Schlangen stehen, würden die Kooperativen nur mit Ihresgleichen spielen und damit auf Dauer höhere Erträge erzielen.
Ein weiteres Ergebnis: wenn in derartigen Dilemmasituationen vorher einander versprochen werden kann, dass man sich kooperativ verhalten werde, gibt es keine signifikanten Unterschiede zwischen Ökonomen und Nichtökonomen mehr.
Der Aufsatz schließt mit der zeitlos schönen Formulierung:
“In an ever more independent world, social cooperation has become increasingly important – and yet increasingly fragile. With an eye toward both the social good and the well-being of the students, economists may wish to stress a broader view of human motivation in their teaching.”
Autor: Günter Riegler