Eine Eigenartigkeit Österreichs ist es, dass die politische – und über sehr, sehr weite Strecken auch die mediale Diskussion – praktisch ohne Anbindung an einen intellektuellen Diskurs stattfindet, der auf dem Fundament halbwegs profunder ethischer, philosophischer und (wenn man will) moralischer Kenntnisse und Überzeugungen beruht.
Dies hat zum Ergebnis, dass auch bedeutende gesellschaftliche Probleme, wie Generationenfragen, Familienförderung und aktuell die Landesverteidigung durchwegs (und bestenfalls) auf „Hausverstandsebene“ und je nach ideologischer Tagesverfassung diskutiert, und letztlich auch gelöst werden.
Man hat den Eindruck, dass weder Politiker noch Journalisten sich die Mühe machen wollen, ein Problem in seiner ganzen Tragweite darzulegen und dann den Weg und die Methodik, die zu ihrer persönlichen Lösung geführt haben, darzustellen. Oder könnte man unterstelle, dass sie dazu oft gar nicht in der Lage wären, so im Sinne des Fred Sinowatz* seinerzeit, einfach vor der Komplexität der Welt kapitulieren?
Hervorragend läßt sich dies an der österreichischen Version der Schießbefehldebatte zeigen, die um die Frage entbrannt ist, wer im Ernstfall (Terror etc.) den Befehl … ja wofür eigentlich? … geben soll/kann/darf.
Die beteiligten Politiker haben in der medialen Diskussion bisher eigentlich nur unter Beweis gestellt, das sie entweder nicht willens oder nicht in der Lage waren die richtigen Fragen zu formulieren, die es im Fall “Schießbefehl” zu beantworten gibt. Von moralisch, philosophisch, rechtstheoretischem Belang ist ist ja zu keinem Zeitpunkt die Frage gewesen, wer etwas „befehlen“ darf, sondern allenfalls die Frage, ob ein Gesetz überhaupt anordnen darf, dass unschuldige Beteiligte bewusst und gewollt zum Zwecke der Gefahrenabwehr in ihrer Gesundheit oder ihrem Leben beeinträchtigt werden dürfen.
Will heißen, das Flugzeug darf selbstverständlich abgeschossen werden, natürlich auch die Terroristen getötet werden, aber was ist mit den Passagieren? Darf man Sie opfern? Diese Frage ist vom deutschen Bundesgerichtshof unter Berufung auf die Verfassung und die darin verbriefte Unantastbarkeit der Menschenwürde verneint worden. Der Staat darf nicht über das Leben eines Individuum verfügen, auch wenn damit ein Vorteil u.U. für viele andere verbunden wäre.
Ich meine eine sehr stringente und in Wahrheit die einzige vertretbare Haltung, zumal sie einen Bann gegen eine ansonsten Platz greifende Relativismus darstellt. Wo ist nämlich bei der „Opfer des Individuums“-Meinung die Grenze und wer legt sie fest? Eine provokante These: Wäre nicht vertretbar eine Verfahrensordnung für die Anwendung der Folter (ein unbelasteterer Name muss gefunden werden) zu schaffen, um in besonderen Situationen – staatlich kontrolliert – u.U. wichtige Informationen zu erlangen, etwa über den Verbleib einer Geisel oder einen Drogentransport? Selbstverständlich ja, zumindest wenn man die Theorie vertritt, dass ein Beamter, der in so einer Situation „zu weit geht“ ohnehin gerechtfertigt ist. Nun gerade dann muss man aber zum Schutz dieser Beamten ein die Folter regeldes Gesetz befürworten. Man sieht es ist kompliziert.
Egal ob aus humanistische oder eher christlich-moralischer Perspektive gilt, dass die Aufgabe von aufklärerischen individuellen Rechten (und die Freiheit der Person ist einer der edelsten derselben) an den Grundfesten unserer Gesellschaft rührt. Einer (vermeintlichen) Bedrohung durch Terrorismus – der ja unsere Gesellschaftsordnung angreift – damit zu begegnen ist an sich paradox.
Nun man darf gespannt sein, welchen Weg die Diskussion nimmt.
PS: Den Vogel abgeschossen hat in einem Interview in der „Kleinen Zeitung“ der Verfassungsrechtler Prof. Theo Öhlinger: Er meint die Piloten sollten geschult werden für Entscheidungen (offenbar gemeint über das Abschießen), “die dann eventuell zehnmal mehr Menschen retten als gefährden“. Zehn mal mehr. Einfach so, ohne Begründung. Schulen! Ein klarer Fall von Morbus Heinz Mayer.
(* Fred Sinowatz tätigte während seiner Zeit als Bundeskanzler (1983 bis -86) auf eine Frage eines Journalisten (ich weiß nicht mehr welche) die später viel verspottete Aussage, dass „alles sehr kompliziert“ sei. Ihm wurde großes Unrecht getan, hat er doch nur etwas gestanden, was Tatsache ist: Die Gesellschaft und schon gar die Welt, ist in ihrer Komplexität nicht begreifbar, die Politik stößt besonders in der heutigen, vernetzten und beschleunigten Zeit, immer öfter an die Grenzen der Plan- und Vorhersehbarkeit. Hören oder zugeben will das freilich niemand.)