Abendland
Ich erlaube mir heute Sie mit dem Versuch einer Literaturbeurteilung („Kritik“ schiene mir zu hoch gegriffen) zu konfrontieren, nämlich bezüglich meiner jüngsten Urlaubslektüre, dem Roman Abendland von Michael Köhlmeier.
Meine Wahl fiel auf das Buch schlicht aufgrund der Tatsache, dass belletristische Romanliteratur, ohne Ambition auf den Nobelpreis nicht die Stärke der lebenden heimischen Autoren ist, diesbezüglich Aktivität daher der Förderung durch Nachfrage bedarf. Ein weiterer Grund besteht in der Bekanntheit, die der Autor aufgrund mancher sympathischer Radioengagements auf Ö1 genießt.
Abendland ist laut Umschlagtext ein „Generationenroman“. Beinahe zu greifen ist, dass der Verfasser diese Textes „Jahrhundertroman“ schreiben wollte, dies jedoch Wohl aus Angst davor, dass die Verwendung dieses zuletzt für das Grassche „Weite Land“ verwendete Prädikat, Unglück bringt. Ein weiterer Grund könnte sein, dass der Roman – ehrlich gezählt – erst nach dem Ersten Weltkrieg verdichtete Handlung aufweist und damit wesentliche Teile des 20. Jahrhundert ausspart.
Der (jüngere) Ich-Erzähler Georg Lukasser erhält die Aufgabe das Leben seine väterlichen Freundes Carl Candoris niederzuschreiben. Der Roman besteht daher großteils aus der Erzählung des 95-jährigen Prof. Candoris, die mit der Lebensgeschichte des Georg Lukasser erzählerisch verwoben wird. Um dem offenbar selbst gestellten Anspruch gerecht zu werden, die Ereignisse des 20. Jahrhundert erzählerisch abzudecken, hält sich der Autor nicht wirklich mit der behutsamen Vorstellung seiner Figuren auf, sondern geht in medias res: Die Figuren waren bei allen historisch oder kulturell bedeutenden Ereignissen in irgendeiner Weise dabei – und das nicht nur am Rande. Egal ob bei den Nürnberger Prozessen, der Entwicklung der Atombombe in den USA, als Spion, oder als in einem Boxklub in Brooklyn wohnender Autor, stets sind die Figuren mehr Teil der Geschichte, als es unsereins wahrscheinlich wäre. Freilich sind viele Episoden, die jedoch nie ins Anekdotische abgleiten, trotzdem spannend und unterhaltsam. Die Beschreibung des Zwischenmenschlichen, der Beziehungen der Figuren untereinander, ist des Autors Stärke aber nicht.
Praktisch hinterlässt das Buch für den Leser oft den Eindruck: hier ist ein Autor der viel weiss – und er will den Leser davon auch restlos überzeugen. Leider kommt dieses Wissen des Autor nicht nur in Form liebevoll recherchierter Details, die sich in die Handlung einfügen, sanft daher, sondern oftmals als langwierige, belehrende Aufzählungen die die Geschichte nicht vorantreiben, sondern vielmehr manchmal geradezu zum Stillstand bringen. Der Eindruck entsteht an mancher Stelle, dass Informationen – etwa dort, wo Jazz und Mathematik eine Rolle spielen – sogar mit leiser Arroganz vorgetragen werden. Man gewinnt den Eindruck, der Autor sei der Meinung der Leser soll, ja muss wissend sein.
Eine weitere Schwäche des Buches ist, dass bestimmte Handlungsstränge ausfransen oder sich verlaufen, ohne als „Geschichten in der Geschichte“ ausreichend eigene erzählerische oder dramaturgische Qualität und Notwendigkeit zu besitzen.
Das Buch hat zweifellos seine Stärken: Einerseits ist es jener zuvor schon angesprochene Faktenreichtum. Man nimmt durch die Lektüre etwas mit. Auch kommt nie wirklich lesehemmende Langeweile auf – aber halt auch keine nervenzerfetzende Spannung.
Insgesamt tatsächlich kein Jahrhundertroman, aber ein gutes Buch.
29 Sep 2007 Johannes Pratl 0 comments







