Journalistisch ist heute von einer “neuen Steuer” die Rede: der Vermögenszuwachssteuer.
Die Wahrheit: der Vermögenszuwachs ist in sehr weiten Gebieten der steuerrechtlichen Landschaft schon bisher steuerpflichtig (und wird mit der Vermögenszuwachssteuer bloß der Zugriff des Staates auf Vermögenszuwächse im Privatvermögen weiter ausgedehnt).
Folgende Fälle der Besteuerung von Vermögenszuwächsen (Capital gains) sind schon jetzt geltendes Recht:
Fall 1: So sind zunächst einmal sämtliche Wertsteigerungen von Gegenständen des Betriebsvermögens seit je her steuerpflichtig.
Fall 2: Weiters steuerpflichtig alle Wertsteigerungen von Grundstücken des Privatvermögens, sofern der Zeitraum zwischen Anschaffung und Wiederveräußerung weniger als 10 Jahre betragen hat (§ 30 EStG – so genannte Spekulationsbesteuerung); hier allerdings mit jeder Menge Ausnahmen, denen gemeinsam ist, dass in bestimmten Fällen eine Spekulation in typisierter Betrachtungsweise nicht angenommen wird.
Fall 3: Weiters alle Wertsteigerungen von privat gehaltenen Wertpapieren, sonstigen Forderungen und Beteiligungen, wenn die Wertsteigerung innerhalb eines Jahres “zu Geld gemacht” wird; hiermit ist der gesamte spekulative Wertpapierhandel von Privatpersonen erfasst. (Handelt jemand betrieblich mit Wertpapieren, besteht Steuerpflicht schon wegen obigem Fall 1.)
Fall 4: Weiters die Veräußerung von Beteiligungen des Privatvermögens, die innerhalb der letzten fünf Jahre mehr als 1% Anteilsausmaß vermittelt haben (§ 31 EStG). Der Grenzwert wurde in den letzten 20 Jahren auf die nunmehrige 1%-Grenze herunter geschraubt.
Der banale Grund, warum nun von der Vermögenszuwachssteuer geschrieben und gesprochen wird, dürfte folgender sein: da es die Einkommensteuer auf den sogenannten Spekulationsgewinn (siehe oben) schon bisher gegeben hat, handelt es sich bei der geplanten “neuen Steuer” inhaltlich um die Abschaffung der Einjahresfrist zwischen Anschaffung und Verkauf des Wertpapiers. Sprachlich korrekt wäre es daher: der Spekulationsparagraf für Wertpapiere wird abgeschafft.
Das würde aber wohl niemand wollen – in Zeiten von kapitalistischer Heuschreckenplage.