Es gehört ja mittlerweile zur Allgemeinbildung, dass das Wort Krise auf „Chinesisch“ angeblich auch, Chance bedeutet. Ich fürchte, dass dieser Umstand in den letzten Jahren so oft durch diverse Seminaren, Leitartikel und Anlageberatungsgespräche verbreitet wurde, dass dadurch bei den Menschen der Eindruck entstand, dass jede Krise ausschließlich Chance bedeutet und es so etwas wie eine Krise im Sinne einer Notsituationen gar nicht gibt bzw. diese insgesamt eher den anderen passiert und wenn eigentlich nicht so schlimm ist.
Derzeit kommt es dick: Immobilien-, Finanz- und mittlerweile Wirtschaftkrise und Rezession kumulieren mit der jüngst am Horizont auftauchenden Gaskrise zu einer Gesamtsituation, die sowohl von den Mächtigen der Politik als auch Wirtschaft sehr viel Sachkenntnis und Führungskraft verlangen würde. Alleine, haben sie die? Faktum ist, dass praktisch alle derzeitigen Spitzenpolitiker und Manager in Zeiten sozialisiert wurden, in denen „echte“ Krisen Gott sein Dank nicht stattfanden. Die Politik konnte sich daher in wirtschaftlich durchaus erfolgreichen Zeiten auf das Verwalten und Verteilen konzentrieren. Krisenmanagement und Problemlösungskompetenz waren im Vergleich zu Vermarktungstalent in diesen krisenfreien Zeiten unbedeutende Fähigkeiten. Aufgrund der allgemein guten Wirtschaftlage konnten auch grobe Missstände ungelöst bleiben bzw. auf Kosten der Effizienz kaschiert werden, siehe etwa Gesundheitsbereich und Pensionssystem.
Es kommt hinzu, dass aufgrund altersbedingt fehlendem eigenen Erfahrungshorizont bei den Menschen das Bewusstsein für die Möglichkeit und die Auswirkung einer Versorgungskrise immer weniger ausgeprägt ist. Während in der Kriegs- und Nachkriegsgeneration ein natürliches Verständnis für die Lebensnotwendigkeit von Plänen für schlechte Zeiten vorhanden war, fehlt dasselbe heute gänzlich bzw. wird eher als Paranoia abgetan. Etwa ist die Tatsache mittlerweile erklärungsbedürftig, dass die Lebensmittelversorgung mangels auch nur der einfachsten Form von Lagerhaltung und aufgrund fehlender Transport- und Verteilungslogistik heutzutage im Falle z.B. einer Energiekrise (versuchen Sie einen Supermarkt ohne Strom auch nur aufzusperren) nicht gewährleistet wäre. Eine Krisenvorsorge, etwa in Form der Notlagerung bestimmter Güter samt entsprechender Verteilungskapazität existiert schlichtweg nicht. Gleiches gilt für die Energieversorgung: In Zeiten in denen in der Stadt fast alle mit Holz und Kohle heizten, war das ausbleiben von Rohstofflieferungen ein Faktor, der mit starker Zeitverzögerung Effekte zeigte, da jeder Verbraucher sein eigenes Brennstofflager im Kohlenkeller hielt. Bleibt heute die Gas-, Strom- oder Fernwärmelieferung auch nur Stunden aus, ist die Lage sofort höchst problematisch. Das System ist viel fragiler geworden.
Ich führe die Problematik fehlenden „Krisenbewusstseins“ auch darauf zurück, dass in Zeiten des Primates der Ertragsoptimierung für vorderhand schöngeistige Dinge wie Lagerhaltung, die ja in guten Zeiten nur Geld kostet, schlichtweg kein Platz mehr ist. Auf anderer Ebene sieht man ein ähnliches Phänomen in Bereichen der öffentlichen Infrastruktur, nämlich der Versorgungsnetze: Wenn es um die Frage der Kosten der Errichtung und Erhaltung der Strom-, Wasser-, Gas- und Telekommunikationsnetze geht, entsteht immer ein Spannungsfeld zwischen möglichst günstigen und wettbewerbsfähigen Preisen für die Kunden, und der Zahlung von Redundanz, Überkapazität, Ausfallssicherheit etc. Vereinfacht gesagt, was ist wichtiger: Optimale Versorgungsqualität und -sicherheit oder günstigere Preise und dafür halt „öfter einmal ein Ausfall“. Ein sehr schwer zu beantwortende Frage. Denn klar ist, dass z.B. die Lagerung von Gas ein extrem aufwändiges und teures Unterfangen ist, das sich rein betriebswirtschaftlich nicht darstellen lässt.
Die derzeitige Gaskrise ist wahrscheinlich keine Chance, aber vielleicht Anlass für die Politik das politische Tagesgeschäft einmal ein wenig beiseite zu lassen und sich so existenziellen Fragen wie der Energiepolitik und der Versorgungssicherung zu widmen.
Autor: Johannes Pratl